Mein Herz wurde gewendet an einem strahlenden Frühlingstag im März 97 in der Wüste von Arizona. Ich begegne meinem Lehrer, dem Mystiker Brugh Joy. Er verkörpert eine Form spiritueller Kraft, die nicht korrumpierbar ist und ist einer der avanciertesten Meisterlehrer, die mir bekannt sind. Mein Herz entflammt in Liebe, für das, was er ist und das, was er für die Menschen tut. Es ist eine Begegnung von Lehrer zu Schüler. Gleichzeitig hat die Begegnung die Qualität des Wiedersehens zweier alter Freunde. Später wird es eine von Lehrer zu Lehrer mit einer Vertiefung der Freundschaft. Nach der tiefen Transformation und Inspiration, die sich dadurch ereignet, gibt es in meinem Leben keinen äußeren Lehrer mehr. Das Leben selbst wird zu meinem größten Lehrer.
Die Reise dorthin erfordert einigen Mut. Drei Wochen zuvor habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Todesangst. Sie kommt wie aus heiterem Himmel. Es gibt keinen sichtbaren Grund dafür, keine Krankheit, es ist nicht als Familienthematik angelegt und trotzdem kriecht mir eine unerklärliche Todesangst bis in die letzten Knochen. Mein Verstand weiß nicht, was er davon halten soll. Die Angst ist so präsent, daß ich auf die 34 Jahre meines Lebens zurückschaue und beginne meine Sachen zu ordnen. Ich verfasse einen letzten Willen und halte Rückschau auf mein Leben. Was war das eigentlich, dieses Leben, bis zu diesem Datum? Gesetzt den Fall, die Angst täuscht nicht und mir passiert etwas, was war dann eigentlich wirklich wichtig?
Ich lasse mein Leben Revue passieren. Die Beziehung zu meinem Vater, bei dem ich mich so sehr willkommen gefühlt habe, zu meiner Mutter, deren feine Liebe ich so sehr schätze, zu meinem Bruder, dessen spontaner Humor mich so häufig lachen ließ, Freundschaften, die ich schließen durfte, Lieben, die ich erfahren habe – was ist eigentlich wirklich wichtig? Was habe ich gelernt? Sozial, emotional, mental, spirituell – habe ich etwas gelernt? Am Ende dieser kaleidoskopartigen Rückschau bleibt nur noch eine einzige Frage übrig und diese Frage ist: Habe ich wirklich genug geliebt?
Die Antwort, die ich mir zu diesem Zeitpunkt auf diese eine zentrale Frage geben mußte, lautete: Nein. Ich konnte die Frage nicht bejahen, ich befand mich ja gerade am Ende einer Beziehung, die offensichtlich nicht funktioniert hatte. Nein. Diese Antwort empfindet meine Seele als tragisch. Auf diese eine Frage zum Abschluß des Lebens kein umfassendes erfülltes Ja geben zu können, wäre für meine Seele tragisch. Es wäre so, wie wenn der Zweck der Inkarnation verfehlt wäre.
Es kommt dann im Zuge einer Herzeinweihung einen Tag darauf völlig unerwartet zu einer spontanen Nahtoderfahrung und das Erstaunliche für mich ist, daß ich mich plötzlich in einem Bewusstraum befinde, den ich nur umschreiben kann als einen Raum absoluter, innerer Klarheit. Das, was mein Leben ausgemacht hat bis zu diesem Zeitpunkt, liegt vollkommen klar und überschaubar da, das zukünftige Leben mit seinen Optionen liegt ebenfalls kristallklar vor mir. Ein Zustand jenseits jeglicher Illusion, verbunden mit einem kompletten Einverstanden sein und dem Aufhören jeglicher Fragen. Die Psyche steht still. Das alte Ich stirbt in dieser alles umwälzenden Todeserfahrung. Die Verbindung zur eigenen Kraftquelle im Herzen, zum Inneren Lehrer, wird hergestellt. Das Erstaunliche – ich benutze dieses Wort immer wieder, weil das Leben für mich ein einziges Staunen ist – also das Erstaunliche daran ist, ein Teil der Psyche sucht nicht mehr. Er ist angekommen. Im Herzen. Was bleibt, ist tiefe Dankbarkeit und die Bereitschaft, die Realität, in jedem Moment neu zu erfahren.